Das schiitische Gebet und die Turba

Über die Turba

Anfang 2024 entschied ich mich für den schiitischen Islam und lernte erst das schiitische Gebet, hatte aber Anlaufprobleme mit der Turba (Gebetsplatte aus Erde, auf die bei der Niederwerfung die Stirn gelegt wird). Ich verstand erst nicht, warum ich mit einer Turba beten sollte, wenn der Prophet (s.a.a.s.) das selbst nicht gemacht hat, sondern immer auf Erde gebetet hat, deswegen habe ich in den Anfängen ohne Turba gebetet.

Je näher ich mich mit diesem Thema befasste, umso interessanter wurde das Ganze bis ich schliesslich anfing an aus eigener Überzeugung mit Turba zu beten.

Wichtig ist die Unterscheidung: Die Verwendung von Turba ist nicht dasselbe wie die Verehrung eines Gegenstandes. Die Turba wird nicht angebetet, sondern Allah wird angebetet. Die Turba dient als Unterlage für die Stirn bei der Niederwerfung (Sujud) und steht symbolisch für Erde. Das macht die Verwendung von Erde beim Sujud sehr interessant. Beim schiitischen Gebet gibt es bei jedem Durchgang zwei Niederwerfungen hintereinander: einmal symbolisch dafür, dass wir aus der Erde erschaffen wurden und einmal dafür, dass wir zu ihr zurückkehren werden.

„Aus ihr haben Wir euch erschaffen, und in sie werden Wir euch zurückbringen, und aus ihr werden Wir euch ein weiteres Mal hervorbringen.“

(Qur’an: Sure 20, Vers 55)

Hauptbestandteile des Menschen (und der Erde in ähnlicher Form):

  1. Sauerstoff (O) – etwa 65 % im Körper; in der Erde vor allem in Oxiden, Wasser und Mineralien.
  2. Kohlenstoff (C) – ca. 18 % im Körper; Baustein aller organischen Verbindungen.
  3. Wasserstoff (H) – ca. 10 % im Körper; Teil von Wasser und organischen Molekülen.
  4. Stickstoff (N) – ca. 3 % im Körper; Bestandteil von Proteinen und DNA.
  5. Calcium (Ca) – ca. 1,5 % im Körper; in Knochen und Zähnen, in der Erde in Kalkstein und Mineralien.
  6. Phosphor (P) – ca. 1 %; in Knochen, Zähnen und Zellenergie.
  7. Kalium (K), Schwefel (S), Natrium (Na), Chlor (Cl), Magnesium (Mg) – je 0,1–0,5 %; alle wichtige Mineralstoffe.
  8. Spurenelemente – Eisen (Fe), Zink (Zn), Kupfer (Cu), Mangan (Mn), Jod (I), Selen (Se), etc.; winzige Mengen, aber entscheidend für Stoffwechsel und Funktion.

Alles, woraus die Erde besteht, findet sich auch im Menschen – nur in einem anderen Verhältnis und einer anderen Form. Wenn wir von den Bestandteilen der Erde und des Menschen sprechen, kann man das auf chemischer Ebene betrachten.

Die Erde besteht hauptsächlich aus Mineralien, Metallen, Wasser und organischen Stoffen, und der menschliche Körper enthält fast die gleichen Elemente – nur in unterschiedlichen Anteilen. Nur die Zusammensetzung und der Aufbau der Moleküle unterscheidet sich zwischen Mensch und Erde.

„Und Wir machten aus dem Wasser alles Lebendige.“

(Qur’an: Sure 21, Vers 30)

Der Mensch – Wasser, Bewusstsein und Gebet

Der Mensch besteht größtenteisl aus Wasser – bei gesunden Erwachsenen sind es je nach Körperzusammensetzung ungefähr 60–70 %, bei Kindern uns Säuglingen sogar noch mehr.

Wasser besitzt zugleich eine Reihe außergewöhnlicher physikalischer und chemischer Eigenschaften, die es von vielen anderen Stoffen unterscheiden.

Seine Wasserstoffbrückenbindungen, seine hohe Wärmekapazität und sein ungewöhnliches Verhalten bei Temperaturänderungen machen Wasser zu einer besonderen Grundlage des Lebens: Wenn wir beten, sprechen wir deshalb nicht nur Worte. Wir richten unseren Körper, unsere Aufmerksamkeit und unser Bewusstsein immer wieder auf bestimmte Inhalte und Bedeutungen aus. Die Frage ist daher interessant: 

Kann ein Ritual, das wir regelmäßig mit unserem Körper und unserem Bewusstsein vollziehen, auch auf unsere innere körperliche Wahrnehmung zurückwirken?

Gerade weil Wasser für unseren Körper so grundlegend und in seinen Eigenschaften so außergewöhnlich ist, lohnt sich die Frage, welche Bedeutung die Verbindung von Wasser, Körper, Bewusstsein und Gebet haben könnte und inwiefern sich eine direkte „Programmierung“ des Wassers durch das Gebet wissenschaftlich ableiten ließe.

„… und in dem, was Allah vom Himmel an Wasser herabgesandt hat und damit die Erde nach ihrem Tod wieder lebendig macht …“

(Qur’an: Sure 2, Vers 164)

Über das schiitische Gebet

Der Islam beginnt nicht mit Ritualen, sondern mit Erkenntnis: Das erste offenbarte Wort an den Propheten Muḥammad (s.a.a.s.) war „Iqra – Lies!“. Das rituelle Gebet wurde erst später eingeführt – als strukturierte Praxis, nicht als blinder Gehorsam. Das Gebet ist damit ein System aus Sprache, Bewegung, Atem und Aufmerksamkeit, das auf mehreren Ebenen wirkt: kognitiv, körperlich, emotional und spirituell.

Im islamischen Gebet nimmt die Sure al-Fatiha (die Eröffnungs-Sure) eine besondere Stellung ein. Sie ist die einzige Sure im Qur’an, in der der Mensch unmittelbar zu Allah spricht. In ihr beginnt der Gläubige mit Lobpreisung und bekennt sich zu Allah als dem Barmherzigen und dem Richter am Tag des Gerichts. Anschließend geht er ein bewusstes Bekenntnis ein: „Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe.“ Schließlich bittet er um das Wesentliche: „Führe uns den geraden Weg.“

Al-Fatiha ist somit Lobpreis, Bund und Bitte um Rechtleitung zugleich. Darauf folgt die Sure al-Ikhlas, die inhaltlich als Antwort auf diese Bitte verstanden werden kann. 

Während al-Fatiha die Hinwendung des Menschen zu Gott darstellt, bringt al-Ikhlas die klare und unmissverständliche Darlegung des reinen Monotheismus (Tauhid) – gewissermaßen die göttliche Antwort in Form einer theologischen Klarstellung. In nur vier kurzen Versen fasst al-Ikhlas die Essenz des Glaubens zusammen:

  • „Sprich: Er ist Allah, der Eine.“
    Damit wird jede Form von Polytheismus ausgeschlossen.
  • „Allah, der Absolute (as-Samad).“
    Er ist der vollkommen Unabhängige, auf den alles angewiesen ist.
  • „Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden.“
    Damit wird jede Vorstellung zurückgewiesen, Gott habe Nachkommen oder sei selbst entstanden.
  • „Und keiner ist Ihm ebenbürtig.“
    Nichts und niemand gleicht Ihm in Seinem Wesen.

So beantwortet al-Ikhlas die Bitte um Rechtleitung aus al-Fatiha mit einer klaren Definition dessen, wer Allah ist: frei von Beigesellung, Abstammung, Vergleichbarkeit oder menschlichen Zuschreibungen. Inhaltlich bleibt die Verbindung deutlich: Der Mensch bittet um Rechtleitung – und Allah offenbart sich als der Eine, der Absolute, der Unvergleichliche. So entsteht im Gebet ein spiritueller Dialog zwischen Diener und Schöpfer.

„O die ihr glaubt, sucht Hilfe in der Geduld und im Gebet. Gewiss, Allah ist mit den Geduldigen.“

(Qur’an: Sure 2, Vers 153)